Heute Nacht habe ich im Traum eine Theatervorstellung besucht. Beim Aufwachen dachte ich darüber nach, wann ich das wohl wieder erleben werde. Und ob die Tatsache, sich mit über 1.000 Menschen in einem Raum zu befinden, überhaupt zu unserer „neuen Normalität“ gehören wird, da sich bereits jetzt unser Bewusstsein und Verständnis von Hygiene und Menschenansammlungen verändert hat. Was das für die Theater, Konzerthäuser, Künstler und nicht zu vergessen, die daran gekoppelten Mitarbeiter der Gewerke im Hintergrund bedeutet, wird bereits vielerorts (zurecht) diskutiert. Zu diesem Zeitpunkt jedoch vermag niemand wirklich sagen zu können, wie sich unsere Welt, trotz Impfstoff weiterentwickelt und verändert. Theaterbesuche via Zoom, wie bei den Fashionshows bereits praktiziert. Who knows? Es wäre bei Weitem nicht dasselbe. Das unersetzliche Erlebnis in einem Theater zu sitzen, einer festlichen Atmosphäre gleich, klassischerweise auf samtrot bezogenen Sitzen, umgeben von goldverzierten Elementen an den Seitenwänden und Rängen, die spürbare Präsenz der im Orchestergraben platzierten Musiker, der Moment, wenn der überdimensionale Kronleuchter über den Köpfen langsam dunkel und das Saallicht bis auf die Notbeleuchtung ausgeschaltet wird. Der Dirigent, begleitet vom Applaus des Publikums an sein Pult tritt und dann, nach einer kurzen Stille oder einer möglichen Ouvertüre, sich der schwere Samtvorhang öffnet, und die Zuschauer für eine oder mehrere Stunden in eine andere Welt eintauchen können.
Darbietende Künstler, ob Sänger, Musiker, Schauspieler oder Tänzer brauchen die Bühne. Dort können sie sich offenbaren und mit dem Publikum in Kontakt sein. Der daran anschließende Applaus ist so immens wichtig, wenn nicht sogar die größte Motivation, die Anstrengungen und körperlichen Strapazen auf sich zu nehmen, um genau das zu tun: die Menschen im Zuschauerraum für einen vorübergehenden Moment in eine andere Welt zu entführen, sie zu berühren und ihnen etwas zu schenken. Es ist ein Akt des Gebens und Bekommens.

Das Theater war meine Welt, dort war ich zu Hause. Auch wenn meine aktive Tänzerkarriere nunmehr drei Jahrzehnte zurück liegt, fällt es mir leicht, dieses Gefühl jederzeit abzurufen. Ich kann deshalb so gut nachvollziehen, wie schwer es für meine Kollegen und Kolleginnen im Geiste derzeit sein muss. Wenn man sich berufen fühlt, sich tanzend auszudrücken – und diese Ausdrucksform derzeit keinen Raum bekommt. Abgesehen davon, zählt in einem Tänzerleben jedes Jahr – weil dieser Beruf, anders als bei den oben aufgezählten, so erschreckend kurzlebig ist – zumindest für die meisten.

Vor eineinhalb Jahren habe ich einen Text geschrieben, der als Epilog für mein Buch gedacht ist, das ich bislang nur in Teilen geschrieben, aber noch nicht vollendet habe. In dem Buch verarbeite ich meine eigene Ballettgeschichte mit all den gemachten Erfahrungen aus der Innensicht einer Tänzerin. In dem Epilog, den ich hier gerne teilen möchte, geht es um den Moment vor einer Ballettaufführung. Eine Frau steht im Foyer des Theaters, in dem sie selbst vor 30 Jahren einmal als Tänzerin auf der Bühne stand:

Noch eine halbe Stunde bis Vorstellungsbeginn. Sie versucht sich vorzustellen, wie es jetzt wohl hinter der Bühne aussehen mag. Und plötzlich ist alles wieder da, der Geruch von Haarspray und fettiger Schminke, der süßliche Duft von getrocknetem Leim, die Mischung aus Satin und Tüll auf der Haut, der feste Haarknoten am Hinterkopf und die vielen Haarnadeln, mit dem er befestigt ist, die schwere, staubige Luft auf der Bühne und die glühende Hitze der Scheinwerfer. Früher wäre sie zu diesem Zeitpunkt gerade aus der Maske gekommen, direkt in ihre Garderobe gegangen, wo die Ankleiderin bereits darauf wartet, ihr ins Kostüm zu helfen und alle Haken und Ösen fest miteinander zu verbinden. Sie würde sich ihre Beinwärmer anziehen, einen letzten, prüfenden Blick in den Spiegel werfen und dann zur Bühne gehen, dort den Inspizienten begrüßen, mit dem Dirigenten persönliche Absprachen für ihre Solovariation treffen, am Anfang dieses Mal vielleicht etwas langsamer, in der Mitte bei den Sprüngen schneller bitte und zum Schluss, wenn möglich eine kleine Verzögerung. In einer Ecke auf der Seitenbühne würde sie dann auf dem Boden sitzend ihre Zehen präparieren, die Spitzenschuhe anziehen, zwischenzeitlich immer wieder aufstehen, um festzustellen, ob die Bänder um den Knöchel fest genug, aber wiederum nicht zu straff sitzen, sich wieder hinsetzen und die verknoteten Bänderenden schließlich mit einem kleinen Stück Pflaster sichern. Bei all diesen Handlungen würde sie die ehrfürchtigen, auf respektvoller Distanz bleibenden Blicke der jungen Elevinnen auf sich gerichtet spüren.

Als Nächstes würde sie durch einen schmalen Schlitz, seitlich der Bühne einen Blick in den sich füllenden Zuschauerraum werfen, anschließend in den Kolophoniumkasten steigen und dann auf die Bühne gehen, im kalten Arbeitslicht hinter einer eisernen Wand ein letztes Mal Teile ihrer Variation durchgehen und mit ihrem Partner eine schwierige Passage oder Hebung proben und je nachdem zuversichtlich darauf vertrauen, dass auch bei der Vorstellung alles gut geht. Sie würde sich mit den Anderen gegenseitig toi, toi, toi über die linke Schulter wünschen, das nunmehr dritte Klingelzeichen vernehmen und somit wissen, dass es noch fünf Minuten bis Vorstellungsbeginn sind. Der Inspizient käme zeitgleich auf die Bühne gelaufen, würde alle auf ihre Plätze verweisen und nachdrücklich um absolute Ruhe bitten. Sie würde auf der Seitenbühne die Beinwärmer abstreifen. Ihre Physiotherapeutin stünde mit einer kleinen Ampulle flüssigem Traubenzucker bereit, die sie dankend annehmen und in einem Zug leeren würde. Dann würde das Arbeitslicht ausgehen, die Notbeleuchtung eingeschaltet, die eiserne Wand langsam hochgefahren, und durch den schweren, dunkelroten Samtvorhang der aufbrausende Applaus zur Begrüßung des Dirigenten zu ihr herüberdringen. Sie wäre dann bereits in der Kulisse, vollkommen auf ihren Auftritt konzentriert, alles um sich herum vergessend, nur noch auf sich selbst, die kommenden drei Stunden und ihren Körper fixiert. Jetzt würde sie ihre innere Anspannung spüren, das in ihr aufsteigende Lampenfieber, wie es sich schleichend, aber unaufhaltsam in ihr ausbreitet und ihre Sinne schärft. Sie würde das kraftvolle Rauschen des sich öffnenden Samtvorhanges wahrnehmen und nun auch die Klänge aus dem Orchestergraben deutlich hören. Sie würde einen tiefen Atemzug nehmen, dabei ihre Augen schließen, bevor sie das aufgehende, grelle Scheinwerferlicht aus der gegenüberliegenden Kulissengasse treffen kann, und jetzt nur noch auf die Musik achten. Noch vier, noch drei, noch zwei Takte bis zu ihrem Einsatz. Alles in ihr wäre jetzt durchlässig. Dann würde sie die Augen öffnen, aus der schützenden Kulisse heraus auf die Bühne treten, direkt hinein ins gleißende Licht. Von diesem Moment an würde sie alles hinter sich lassen, was sie irdisch macht. Sie würde sich hingeben und ganz in ihrer Rolle auflösen. Sie wäre dann ganz bei sich, in ihrer eigenen Welt.

*Titelbild: Dénesh Ghyczy

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