Lange Zeit ging ich davon aus, dass mein Leben mir einfach passiert. Dass es Menschen gibt, die mehr Glück haben, als Andere, und dass ich irgendwo im Mittelfeld dieser Glücksverteilung zu finden bin. Ich war mal mehr oder weniger glücklich, meistens jedoch Letzteres, und somit ständig damit beschäftigt, irgendwie „durch“ zu kommen, existentiell, wie auch emotional. Ich versuchte tapfer zu sein und aus jeder Situation das Beste zu machen, auch wenn schon lange nichts Gutes mehr darin zu finden war. Wie gesagt, es hat lange gedauert, genauer gesagt bis zu meinem 47sten Lebensjahr, bis ich wirklich begriff, wie ich das, was in meinem Leben alles schief lief, nachhaltig ändern kann.

Es war nicht so, dass ich nicht schon vorher an mir gearbeitet hätte. Mit Ende Zwanzig begann ich diverse Workshops und Kurse zu belegen, bin in zahlreichen Gesprächen mit einem lieben Freund und Mentor in die Tiefe meiner Psyche vorgedrungen, um endlich meinen ständig wiederkehrenden Mustern auf den Grund zu gehen: ständiger Geldmangel, nicht funktionierende Partnerschaften, wechselnde Berufe, mangelnde Perspektive, etc. Irgendwie kam ich immer nur zu dem Punkt, mir bewusst zu machen, was ich nicht mehr wollte. Diese Erkenntnis beinhaltete aber noch lange nicht zu wissen, was ich eigentlich wollte.

Und weil ich das nicht wusste, habe ich in aller Regel nur darauf reagiert, was Andere taten und für mich wollten. Dann bin eine Weile mit in die eine oder andere Richtung gegangen, nur um wieder festzustellen, dass es so nicht funktioniert. Auf diese Weise habe ich natürlich nicht nur schlechte Erfahrungen gemacht, sondern auch viele schöne Dinge erlebt. Aber ich war ständig abhängig davon, was im Außen geschah. Es fehlte mir an wirklicher Basis. Meine Basis. Ich hatte einfach keine Idee davon. Wenn ich gefragt wurde, was ich eigentlich möchte und brauche, stand ich bildlich gesprochen, vor einer Wand. Mein Kopf war leer. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass ich meine Jugend und Pubertät in einer DDR Ballettschule verbracht habe, wo nicht ich, sondern andere Menschen über mein Leben entschieden. Es war einfach nicht gefragt, niemand hatte es mir (uns) beigebracht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass es Vielen so geht. Vielleicht ist es eine Generationsfrage.

Vor ungefähr sechs Jahren saß ich im Marais-Viertel in Paris im La Belle Hortense – eine sympatische Mischung aus Buchladen und Weinbar. Zu diesem Zeitpunkt war ich (mal wieder) an einem Tiefpunkt in meinem Leben angelangt. Erneut war ein Traum zerplatzt und meine damalige Beziehung gescheitert. Ich wusste einfach nicht mehr weiter. Es blieb mir gar nichts anderes Übrig, als den Tatsachen ins Gesicht zu schauen: Ich war Ende vierzig, unverheiratet, bin nicht Mutter geworden und steckte in einer beruflichen Situation, in der ich nicht bleiben wollte, aber musste, weil ich sonst nicht gewusst hätte, wie ich überleben kann. Und Sozialhilfe beantragen, wollte ich nicht. Das war einfach nicht mehr lustig – unkonventionelles Leben hin oder her. Ich hatte einfach schon zu viele Schleifen im Leben gedreht und trotz Erkenntnisarbeit das Gefühl, wieder nur im Kreis gelaufen zu sein – extrem frustrierend. Natürlich dämmerte mir längst: Es sind nicht die Anderen! Die Lösung kann nur in mir selbst liegen.

Und wie ich da so alleine saß und in mein Glas Sancerre starrte, den Gesprächen um mich herum lauschte, von denen ich nur die Hälfte verstand, immerhin war ich ja in Paris, kam eine blonde Frau meines Alters zur Tür herein und setzte sich neben mich. Binnen kürzester Zeit befanden wir uns in einem tiefen, interessanten Gespräch, bei dem sich herausstellte, dass sie den Punkt, an dem ich mich gerade befand, bereits hinter sich hatte. Da sie nicht lange bleiben konnte, schrieb sie mir kurzerhand etwas auf einen Zettel. Fang damit an, es wird dein Leben verändern, sagte sie zum Abschied. Es klingt wie ein Klischee, ich weiß. Aber ich ging nach Hause und begann von diesem Moment an mit den Affirmationen von Louise Hay zu arbeiten, las ihre Bücher und hörte mir ihre Aufzeichnungen auf Youtube an, jeden Tag, eineinhalb Jahre lang. Und ich tat das, was sie allen Menschen ans Herz legt, die gerade anfangen damit zu arbeiten: ich redete nicht darüber. Aus dem einfachen Grund, um mich nicht verunsichern zu lassen oder erklären zu müssen.

Mein Leben veränderte sich in winzigen Schritten. Dabei versuchte ich immer nur von Tag zu Tag zu denken. Stück für Stück lernte ich mich selbst kennen – und lieben. Es klingt so simpel, aber genau das war der Schlüssel, der mir bis dato gefehlt hatte.
Inzwischen betrachte ich diese Arbeit als Teil meiner Menschwerdung, gepaart mit der Erkenntnis, dass niemand daran „vorbei“ kommt. Sicherlich gibt es Menschen und Lebenswege, die mit weniger Herausfordungen gepflastert sind, als andere. Aber auch da gibt es „issues“. Jeder hat sie, auf die eine oder andere Weise. Heilung ist möglich, immer. Durch Hinschauen und die Bereitschaft zu Transformieren – vor allem sich Selbst. Verdrängung, Ablenkung vom Eigentlichen und das Deckeln von vielleicht schmerzhaften Erkenntnissen durch Alkohol, Drogen oder Exzesse anderer Art, erzeugt meiner Ansicht nach nur eine kurzfristige Illusion von (Er)lösung. Langfristig führt es in eine Sackgasse. Ich spreche hier natürlich nur für mich selbst, von Beobachtungen und meinem Verständnis vom Leben.

Für das Hinschauen und sich seinen „Themen“ stellen, braucht es allerdings auch Mut. Ich glaube, viele Menschen wählen lieber den berühmten Teppich, unter den sie ihren ‚Kram‘ kehren, weil es auf den ersten Blick, als die bequemere Lösung ist. Der Grund dafür ist jedoch immer Angst. Die Angst vor Schmerz, die Scham, dass man „Probleme“ hat und andere einen für verrückt halten, dass man das eigentlich gar nicht nötig hat, die Angst vor dem Ungewissen, vor seiner eigenen Wut bishin zu Todesangst. Selbst Arroganz, Ignoranz und Zynismus sind Formen von Angst.

Die blonde Frau habe ich nie wieder gesehen, aber sie sollte Recht behalten. Es war ein Geschenk, das zur richtigen Zeit in mein Leben kam. Diese Begegnungen und Menschen gibt es für Jeden. Davon bin ich fest überzeugt. Und manchmal sind wir es vielleicht sogar selbst, für Jemand anderen. Jetzt sechs Jahre nach dieser Begegnung kann ich sagen: Ich führe ein Leben zusammen mit meinem Mann, das mich glücklich macht. Wir erleben unsere Herausforderungen im Leben, wie andere auch. Aber grundsätzlich, ist alles so, wie es sich jeder von uns beiden wünscht. Für meinen Teil gesprochen: dafür musste ich lernen mich an die erste Stelle in meinem Leben zu stellen. Klingt egoistisch? Dachte ich auch lange. Ich spreche aber nicht von einem Egoismus exzentrischer Art. Sondern davon, eine liebevolle und respektvolle Beziehung zu mir selbst aufzubauen. In meiner spirutellen Arbeit, die ich letztes Jahr begonnen habe, und bei der ich auch andere Menschen bei ihren Fragen im Leben unterstützen kann, ist die (fehlende) Selbstliebe immer wieder Dreh- und Angelpunkt für die Lösung fast aller Probleme. Es scheint für Jeden von uns eine der größten Herausforderungen im Erwachsenenalter zu sein, wieder mit uns selbst und unserer Seele in Kontakt zu kommen und zu bleiben.

Ich bin auf einige Dinge wirklich nicht stolz in meinem Leben. Manchmal denke ich sogar, dass ich viele, wertvolle Jahre verschwendet habe. Aber, ich brauchte wohl diese Zeit. Wie hätte ich es anders machen können? Hinterher ist man immer schlauer. Mittlerweile wage ich zu sagen, einen Weg gefunden zu haben, der sich lohnt zu gehen, der sich gut anfühlt und der mich glücklich macht – jetzt und auf lange Sicht.

P.S. Dieser Beitrag ist in Gedenken an zwei Menschen entstanden, mit denen ich in Berlin befreundet war und die unabhängig voneinander, auf unterschiedliche Weise innerhalb eines Monats in der Mitte ihres Lebens gegangen sind. Es hat mich traurig gemacht, davon zu erfahren. Und mich gleichzeitig angeregt, auf mein eigenes, bisheriges Leben zurückzublicken.
Beiden Freunden hätte ich gewünscht, Dinge vielleicht früher zu erkennen und sich ein Leben zu erschaffen, in dem sie erfüllt, gesund und zufrieden hätten alt werden können. Aber natürlich kennen wir den Seelenplan eines Anderen nicht. Und dennoch!

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