Wenn man, wie wir, noch nie einen Dachs in natura gesehen hat, dann ist das dreitägige Festsitzen eines solchen in unserem Garten, ein aufregendes Ereignis. Er muss eines nachts über die Mauer zum Friedhof hinein, aber nicht wieder heraus gekommen sein. Vor ein paar Tagen wurden wir früh morgens von rumpelnden Geräuschen wach. Wir dachten zuerst an Fahrraddiebe, die im Hof zugange waren, doch dann sahen wir, wie ein Dachs sich alle Mühe gab an unserer Seite der Mauer emporzuklettern, versuchte in den Weinranken Halt zu finden und es nicht schaffte. Sein schwerer Körper fiel wieder und wieder mit einem lauten Klatsch zu Boden, was ihm jedoch keineswegs etwas auszumachen schien. Eines stand schon mal fest: Der Dachs ist ein robustes Kerlchen. Und hübsch ist er auch. Der weiße Kopf mit den zwei schwarzen Streifen, stromlinienförmig von der Schnauze über Augen und Ohren, bis hin zum Nacken verlaufend, geben diesem Tier ein ungewöhnliches Aussehen. Mein Mann taufte ihn Dieter. Ich fand diesen Namen passend. Vorsichtig näherten wir uns ihm mit einem Besenstiel bewaffnet. Dieter hatte aber mehr Angst vor uns, als umgekehrt und verschwand blitzschnell über das Nachbargrundstück. Wir dachten, dass er möglicherweise dort einen Weg zurück zu seinem Zuhause gefunden hatte. Dass Dieter aber tagsüber nur geschlafen hat, wurde in der folgenden Nacht deutlich. Gegen drei Uhr wieder lautes Rumpeln, dieses Mal hatte er die Getränkeschale für die Vögel umgekippt. Und wieder war er an der Mauer beschäftigt, ohne Erfolg. Wir konnten Dieter im Dunkeln nicht helfen, ließen ihn machen und legten uns wieder schlafen.

Am nächsten Morgen war von ihm weit und breit nichts zu sehen. Ich ging wie üblich mit einer kleinen Schale in den Garten und wollte die reifen Früchte meines geliebten Stachelbeerstrauches für unser Frühstück ernten. Ich muss zugegeben, es hat eine klitzekleine Weile gebraucht, bis ich verstand, dass Dieter keine einzige, noch nicht einmal die unreifste Beere übrig gelassen hatte. Mit meiner leeren Schale in der Hand, begutachtete ich das weitere Ergebnis seiner nächtlichen Aktivitäten: das umgepflügte Beet, die aufgebuddelten Blumentöpfe und die durchlöcherte Wiese, die aussah, als wäre eine Horde Wildschweine drüber gedonnert. Ein junges Nachbarpärchen schaute aus dem 3. Stock zu mir herunter und berichtete, dass sie in der Nacht mit einer Taschenlampe von ihrem Fenster aus beobachten konnten, wie „unser“ Gast genüsslich schmatzend in der Mitte der Wiese lag und ein kleines Verdauungsschläfchen machte. Mit meinen Stachelbeeren im Bauch! Sofort hatte ich das Bild vor Augen, wie Dieter auf dem Rückend liegend mit verschschränkten Armen hinter dem Kopf verträumt in den Nachthimmel schaut und sich seinen Ausflug in unser Gartenparadis beginnt weiter auszumalen. Täglich frisch aufgefüllte Trinkschalen, ein noch unberührter Brombeerstrauch, Regenwürmer in Hülle und Fülle… wer will da schon zurück in den aufreibenden Familienalltag.

Nein, nein, dachte ich, so kann das nicht weiter gehen. Dieters Abenteuerurlaub in unserem Garten hatte meine Toleranzgrenze erreicht, und eine alleinerziehende Dachsmutter konnte ich schon mal gar nicht verantworten. Eine Lösung musste her. Im Keller des Hauses fand sich eine lange, zusammenklappbare Bierbank. Umgedreht an die Mauer gestellt, ergab das eine hervorragende Leiter. Beim ersten Versuch des Aufstieges am Abend, kippte Dieter mitsamt des Tisches nach hinten über. Er war einfach zu schwer. Wir gingen raus, änderten die Schräglage und siehe da, irgendwann gegen Ein Uhr überwand er mit Hilfe unserer Konstruktion die Mauer. Ich stand mit unserer Katze am Fenster und hörte ihn auf der Friedhofseite ins Efeu plumpsen und davon laufen. Gott sei dank, er hatte es geschafft, und wir konnten endlich beruhigt schlafen gehen.

Seitdem ist wieder Ruhe im Garten. Tags darauf machte ich mich daran, seine Hinterlassenschaften zu beseitigen, die abgerissenen Weinranken abzuschneiden, die Blumenbeete zu ordnen und den Rasen zu reparieren. Stachelbeeren werde ich nun wohl vom Markt holen müssen. Es ist immer was los bei uns. Mitten in der Stadt! Wer hätte das gedacht.

Ein Gedanke zu “VIII – Dieter

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s