Es war ein krachendes Rauschen, dass uns heute Morgen kurz nach Sechs fast zeitgleich aus dem Schlaf riss. Als wir wenig später im Garten standen und rüber zum Friedhof schauten, war da, wo gestern noch die alte Kastanie stand, ein großes Stück Himmel und ein freier Blick auf eine rückseitige, backsteinfarbene Häuserwand. Er war nicht mehr da, dieser hochgewachsene, ehrwürdige Baum. Letzte Woche erst haben wir nach langer Zeit mal wieder einen Spaziergang auf dem Friedhofsgelände gemacht. Da sahen wir schon, wie schief er stand. Auch bei dem heftigen Unwetter vor wenigen Tagen, schauten wir besorgt zu ihm herüber. Der Sturm dauerte nur kurz an. Höchstens fünf Minuten, aber assistiert von einem selten gesehenen Sturzregen entwickelte er eine Kraft, dass man hätte meinen können, die Welt geht unter. Von unserem Küchenfenster aus, beobachteten wir, wie sich die hohen Baumwipfel bedrohlich weit Richtung Boden neigten. Als es vorüber war, stand er noch. Seit heute Morgen nun nicht mehr. Die alte Kastanie ist einfach umgefallen. Bestürzt standen wir da, in der kühlen Morgenluft mit nackten Füßen im taufrischen Gras. Wie auch immer, sagte mein Mann schließlich, das ist nun die neue Situation. Es hatte etwas Unwiederbringliches, so, wie er es sagte. Das machte mich plötzlich wehmütig. Wie alt sie wohl gewesen sein mag? 50 Jahre? Oder gar 100? Hatte sie schon im Krieg gestanden?

Je älter ich werde, und um so bewusster ich die Geschehnisse in diesem Garten hinter unserem Haus betrachte, desto mehr entdecke ich darin Parallelen zu den Ereignissen im Leben. Das hat etwas tröstliches. Als würde mich die Natur mit dem Leben an sich versöhnen. Ein schöner Gedanke, wie ich finde.

Daran, dass die alte Kastanie nicht mehr da ist, werde ich mich wahrscheinlich schneller gewöhnen, als mir lieb ist. Schon jetzt muss ich zugeben, dass es mit einem Schlag viel heller geworden ist. Die Sonne scheint nun ungehindert in den Garten und hat plötzlich Zugang zu Stellen, die zuvor im Schatten lagen. Es wird unweigerlich dazu führen, dass an diesen Flecken mehr blüht. Von Zeit zu Zeit werden mein Mann und ich uns sicher noch an sie erinnern, und dann mit dem Finger in die Richtung zeigen, wo der Baum einst stand. Vielleicht dauert es gar nicht lange, dass an dieser Stelle etwas Neues wächst. Vielleicht aber auch nicht. Alles wandelt sich beständig. Wie wenig wir doch eigentlich wissen. Ich möchte einfach nur versuchen, mich darauf einzulassen, auf das Leben, das Nichtwissen und den Wandel. Täglich aufs Neue. Und dabei möglichst vom Besten ausgehen. Wo vorher Schatten war, ist jetzt Licht. Adieu Du schöne, alte Kastanie!

Ein Gedanke zu “VII – Abschied von der alten Kastanie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s