Morgens barfuß im taufrischen Gras laufen. Seit drei Jahren ist dies mein Ritual. Ich liebe es und brauche diesen Moment förmlich, um den Tag zu beginnen. Die von der Nacht noch feuchte Luft einatmen, begleitet vom Gezwitscher der Vögel, das zu dieser Zeit noch wie ein großes Konzert anmutet. Alles in den Morgenstunden hat eine besondere Qualität, die sich mit dem Voranschreiten in den Tag hinein verändert, manches sogar gänzlich aufzulösen scheint, bis es in der Nacht wieder zum Vorschein tritt, die Ruhe, das Dunkel, die Tiere der Nacht, das Geheimnisvolle, vermeintlich Unsichtbare. Mit dem anbrechenden Morgen zieht sich all das zurück. Die Sonne geht auf, erhellt den Tag, selbst dann, wenn sie nicht zu sehen ist. Die Luft erwärmt sich und wirkt sogleich verbrauchter, auch die Vögel sind tagsüber stiller, selbst der Wind verlangsamt sein Tempo, wie mir manchmal scheint, die Geräusche des menschlichen Alltags nehmen zu und füllen den Raum, der soeben noch jungfräulich wirkte.

Fahrende Autos, das aufgeregte Stimmengewirr spielender Kinder vom nahegelegenen Spielplatz, Lieferfahrzeuge, klappende Türen, das klimpernde Geräusch von Geschirr aus einem der geöffneten Fenster zum Hof, im Nachbarhaus hört jemand lautstark Radio, ein Krähengeschwader überquert bedrohlich kreischend den Garten, Hundegebell aus dem obersten Stockwerk, jemand telefoniert rauchend auf dem Balkon, Blumen werden gegossen, das überfließende Wasser landet platschend auf der darunterliegenden Fensterbank, zerspringt in tausend kleine Spritzer, die sich kreisförmig in alle Richtungen verteilen, die Müllabfuhr reißt das große Tor auf, polternd rumpeln die schweren Container über den Asphalt, knallen gegen den hölzernen Türrahmen, auf dem Friedhofsgelände nebenan werden die Wege gefegt, ein Baby weint – plötzliche Stille, für einen winzigen Moment, eine Nanosekunde… dann ist alles wieder da, ein Hubschrauber fliegt bedenklich nah über die Baumwipfel, das donnernde Krachen einer Baustelle schallt zu mir herüber. Berlin ist wach. Noch einmal schaue ich mich im Garten um, nehme einen tiefen Atemzug, begleitet von einem sehnsuchtsvollem Seufzer und stürze mich dann in das Getümmel der Stadt.

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