Noch ist es ungewohnt, und ich weiß nicht, ob ich letzten Endes durchhalten werde, wenngleich ich es mir wünsche. Grundsätzlich, denke ich, ist es eine gute Entscheidung. Wenn nicht sogar, die einzig richtige. Vergangene Woche war ich endlich wieder beim Friseur. Endlich, nach über zwei Monaten. Normalerweise bin ich alle drei bis vier Wochen beim Friseur – Ansätze nachfärben. Sobald sich das erste graue Härchen zeigt, eine Vernissage oder andere ‚wichtige‘ Veranstaltung ansteht, rufe ich panisch bei meinem Friseursalon des Vertrauens an, ob ich nicht im Terminplan irgendwie dazwischen rutschen kann. Meistens klappte das hervorragend. Mit aufgefrischter Haarfarbe fühlte ich mich sicherer unter Leuten. Nicht selten werde ich zehn Jahre jünger geschätzt, was mir zugegebenermaßen sehr schmeichelt, auch wenn eine leise Stimme in mir fragt: Kommt es wirklich darauf an?

In ein paar Wochen werde ich 52. Im Großen und Ganzen finde ich den Prozess des Älterwerdens spannend. Allerdings ist es ein Auf und Ab, da die Anzeichen innerlich wie äußerlich in Schüben kommen. Neulich stieß ich auf ein paar Fotos aus dem Jahr 2016. Damals war ich auch schon 48, dachte ich bei mir. Verglichen zu jetzt sah ich deutlich jünger aus, das musste ich zugeben. Was jedoch meine Frisur betraf, konnte ich nur den Kopf schütteln. Ein verzuppelter Pony, überblondierte Strähnen auf langen ausgetrockneten Haaren. Überhaupt nicht ladylike. Dass ich das damals nicht gesehen habe, wundert mich. In der Zwischenzeit hat sich einiges verändert. Nicht nur, dass die Wechseljahre allmählich auch Einzug in meinem Leben halten, obwohl ich aus unerfindlichen Gründen immer davon ausging, dass mich das nicht betreffen würde.

Im vergangenen Jahr tauchte immer Mal wieder der Gedanke auf, ob es wirklich so gut ist, jeden Monat eine Ladung Chemie auf meinen Kopf zu packen, wo ich doch sonst versuche so giftfrei und gesund wie möglich zu leben. Oft habe ich 1-2 Tage lang Kopfschmerzen, so als würde ich leichte Vergiftungserscheinungen haben. Ich versuche es zu ignorieren. Aber bei näherer Betrachtung…? Die Frage ist also mehr als berechtigt. Muss ich wirklich noch versuchen, wie eine Vierzigjährige auszusehen? Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht in diese Zeit zurück will. Was würde es also mit mir machen, wenn ich zu meinen grauen Haaren stehe? Bislang war meine Antwort: Ich bin noch nicht soweit. Zwei Monate coronabedingte Friseurabstinenz haben dieses Thema nun schneller zu einer Entscheidung gebracht, als ich dachte. Nach vier Wochen war der Ansatz bereits gut zu sehen. Bei meinen Kastanienbraun gefärbten Haaren mehr als deutlich sogar. Überraschenderweise blieb meine übliche Panik aus, natürlich auch deshalb, weil wir alle mehr oder weniger zu Hause bleiben mussten. Ich hatte Zeit mir die Entwicklung auf meinem Kopf in Ruhe anzuschauen. Jedes Mal, wenn ich am Spiegel vorbei kam, dachte ich: Hm, wer ist denn diese interessante Frau? Und je mehr graue Haare sich zeigten, desto mehr reifte der Gedanke in mir, die Gelegenheit zu ergreifen. Kein Übertünchen mehr! Zum ersten Mal seit wirklich langer Zeit habe ich keinen neuen Friseurtermin wie sonst, in spätestens vier Wochen, gemacht. Ich lasse es darauf ankommen.

Mir fällt auf, dass ich jetzt vielmehr auf die Haare anderer Frauen achte, besonders die meines Alters. Ich sehe tolle Frauen mit grauen Haaren und denke, wow, das geht also doch. Und ich sehe Beispiele, die mir überhaupt nicht gefallen – ich nenne es das graue Maus Phänomen. Die spannende Frage bleibt also noch: Wie werde ich aussehen? Einfach nur alt, oder doch interessant? Das Gute an der jetzigen Zeit ist natürlich, dass es einer Vielzahl von Frauen in den letzten Wochen so ging wie mir. Hinzu kommt, dass graue Haare gerade wieder ziemlich en vogue sind. Etliche Instagram-Account’s zeigen Frauen mit silbergrauen Haaren, Best-Ager-Models erleben einen Boom und selbst junge Mädchen frönen dem Trend sich die Haare in fröhlichem Aschgrau zu färben. Allerdings, finde ich, ist es ein Riesenunterschied, ob das Gesicht dazu einer Zwanzigjährigen oder eben einer Fünfzigjährigen gehört.

Das ganze Unterfangen gleicht für mich einer Transformation, im wahrsten Sinne des Wortes. Einerseits bin ich neugierig und zuversichtlich, andererseits ist dieser Prozess begleitet von Ängsten, die besonders nachts in meinen Träumen zum Tragen kommen. Bin ich als graue Lady noch attraktiv? Wie wird mein Mann mich finden? Als wir neulich darüber sprachen, sagte er, dass es seiner Auffassung nach viel wichtiger ist, dass ich meine positive Ausstrahlung behalte. Das allerdings ist leichter gesagt, als an manchen Tagen getan. Ich schwanke zwischen Mut, Zuversicht, Selbstbewusstsein an den guten, und Zweifel, Verzagtheit und Minderwertigkeitsgefühl an den schlechten Tagen. Bei letzteren beobachte ich mich dabei, wie ich nach attraktiven 35-Jährigen Frauen schiele und mich mit ihnen vergleiche. Natürlich ist mir bewusst, wie blödsinnig das ist. Auch sie werden älter, so wie wir alle älter werden. Ich bin in jedem Fall besser beraten, mein Alter und mich Selbst mit Würde anzunehmen und mich daran zu erfreuen, was Reife und innere Weisheit Gutes mit sich bringen.

Neulich habe ich wieder in dem 1954 erschienen Klassiker „Das kleine Buch der Mode“ von Christian Dior geblättert und eine ermutigende Passage gefunden: Kaum ein „Accessoire“ wirkt so edel wie graues Haar. Frauen mit grauen Haaren versprühen einen ganz besonderen, würdevollen und weiblichen Charme… Keine Farbe passt so gut zu Ihrer Persönlichkeit wie die, die Gott Ihnen gegeben hat. Versuchen Sie nicht, jemand anderes als Sie selbst zu sein…Ab einem gewissen Alter können gefärbte Haare ohnehin niemanden mehr täuschen.

Das Buch liegt nun jederzeit griffbereit auf meinem Nachttisch. In Momenten des Zweifelns werde ich darauf zurückgreifen. Denn tief in meinem Inneren weiß ich, dass es wahr ist, auch wenn wir schon 66 Jahre weiter sind. Ich bleibe also dran.

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