Es nieselt. Ich könnte das Fenster schließen, stattdessen hole ich mir einen warmen Strickmantel und setze mich wieder an meinen Schreibtisch. Es wäre zu schade die frische Luft nicht zu atmen. Mein Mann ist wie jeden Tag gegen 10 ins Atelier gegangen und kommt mittags wieder. Ich müsste eigentlich das Bett machen, den Frühstückstisch abräumen, die Schals und Tücher wegräumen, die ich gestern Abend auf dem Sofa verteilt habe, um zu überprüfen, was gewaschen werden muss, zurück in den Schrank kann oder welche davon griffbereit an die Haken hinter der Tür gehängt werden können. Aber noch fehlt mir die Lust. Gleich, in einer Stunde vielleicht. Dann ist immer noch Zeit bis Viertel vor Zwei. Auf dem Herd steht Steinpilzrisotto von gestern und auch die Rhabarbertarte muss nur aufgewärmt werden. Ein zweiter Espresso wäre jetzt schön. Der erste heute Morgen war schon recht stark. Vernünftig wäre es demnach nicht. Aber warum immer unvernünftig sein? Sieben Wochen sind wir nun schon in Quarantäne, die ganze Welt ist im Lock Down, ausgenommen einiger weniger Staaten. Anfangs hatte mich die Angst fest im Griff, dann kam eine andere Sicht und ein höheres Verständnis für das, was gerade vorgeht und wofür dieser Virus noch stehen könnte, damit sich die Welt mal aufhört so rasend zu drehen, nicht dass sie das von alleine tun würde, vielmehr, weil wir sie und uns angetrieben haben, sich schneller zu drehen, mehr zu erreichen, alles zu können, überall und zu jeder Zeit hin zu müssen und von allem immer mehr haben zu wollen. Ich habe es nicht groß vermisst, nicht nach Draußen zu können. Es gab genug zu tun, zu Hause, im Garten und an kreativer Arbeit. Mittlerweile aber fehlt es mir, im Café zu sitzen, Freunde zu treffen und ja, ich gebe es zu, auch das Reisen. Ich träume davon, mich zusammen mit meinem Mann ins Auto zu setzen und nach Südfrankreich, Richtung Arles zu fahren, so wie wir es vor vier Jahren, kurz nachdem wir uns kennengelernt haben, gemacht haben. Ohne Zeitnot, durch die Bourgogne, die Auvergne, Richtung Provence. Spontan überall anhalten, wo es uns gefällt, neue Orte entdecken, unterhalb einer Burgruine im Gras liegen, in einem kleinen Dorf, dessen Namen wir kurz danach schon wieder vergessen haben Limonade mit Pfefferminzsirup trinken oder am Abend an einfachen Holztischen unter hohen Pappeln sitzen, ein kühler Rosé auf dem Tisch, dazu eine gemischte Käseplatte mit Comté, Brie de Meaux, Fougerus, Laguiole, Tete de Moin und ofenfrisches Baguette. Später dann in einer kleinen Pension oder herrschaftlichen Villa glückselig einschlafen. Am nächsten Tag, schließlich in Arles angekommen, im Sonnenlicht durch die kühlenden, steinernen Gassen laufen, den alten Männern beim Boule spielen zuschauen und in der Abendsonne auf einer der kleinen Plätze Pastis auf Eis trinken, der nur in Frankreich so gut schmeckt und nirgends sonst. Wahrscheinlich weil er dorthin gehört und nirgends sonst. Wenn ich jetzt daran denke, spüre ich eine unbändige Sehnsucht, bekomme eine Beklemmung in der Brust, und muss darauf achten, nicht dem Gedanken nachzugeben, mich eingesperrt zu fühlen, wie in einem dunklen, tiefen Loch, über mir strahlender Sonnenschein, wo ich nicht hin kann, sondern mich vielmehr darauf zu konzentrieren tief ein- und auszuatmen. Ich werde jetzt in die Küche gehen und mir heute einen zweiten, starken Espresso gönnen. Ich werde unvernünftig sein, weil es auf nichts ankommt und mich daran erfreuen, weil ich es kann. Und ich werde dabei an Frankreich denken.

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