Von Zeit zu Zeit schleicht eine fremde Katze durch unseren Garten. Sie kommt über die Friedhofsmauer, flaniert über den gegenüberliegenden Abschnitt zum Nachbargrundstück und versteckt sich dann weiter hinten bei den Mülltonnen. Das erste Mal habe ich sie letzten Sommer vor knapp einem Jahr hier gesehen. Wahrscheinlich ist sie neu in der Gegend und versucht ihr Gebiet zu erweitern. Dabei wäre der Friedhof eigentlich groß genug. Im Gegensatz zu unserer Katze ist sie Freigänger. Bevor unsere Katze, zu unserer Katze wurde, war sie erst einmal meine Katze, eineinhalb Jahre lang, bis mein Mann dazu kam. Das ist mittlerweile 5 Jahre her. Ich lebte damals in einem winzigen Ein-Zimmer-Appartment, allerdings mit großem Südbalkon unweit von hier. Zu dieser Zeit hatte ich noch ganz fest vor nach Paris zu ziehen. Daraus wurde dann nichts. An die Stelle meines Paris-Traumes trat dafür ein komplett neues und unerwartet schönes Leben zu Dritt. Von Paris geblieben ist immerhin der Name unserer Katze, benannt nach meinem Lieblingsplatz Place Dauphine. Das Place habe ich natürlich weg gelassen. Ansonsten ist bei Dauphine der Name Programm. Als „Thronfolgerin“ verhält sie sich dementsprechend. Es würde nicht im Geringsten zu ihr passen eine „Draußenkatze“ zu sein. Selbst die Vögel im Garten scheinen sie nicht wirklich als Bedrohung zu sehen. Zwar beobachtet sie in geduckter Haltung, verborgen hinter Blumentöpfen auf dem Fensterbrett das Geschehen an der Vogeltränke, den Schwanz dabei hin und her pendelnd wie eine große, alte Standuhr, aber auszurichten vermag sie im Grunde nichts. Wagemutig sitzt sie hinter einem Mückengitter.

Vergangenen Sommer hatten wir eine Maus in der Wohnung. Niemand von uns kann sich erklären, wie sie rein gekommen ist. Zwei Tage lang saß Dauphine vor dem aufgestapelten Holz beim Kamin. Mein Mann sagte zu ihr: Da ist doch nichts. Höchstens eine Spinne oder ein Käfer. Aber sie war nicht von ihrem Posten wegzubewegen. Bis wir schließlich das Holz auseinander nahmen. Die Maus rannte, Dauphine hinterher, einmal quer durchs Wohnzimmer. Wir verabschiedeten uns bereits gedanklich von der Maus und dachten das Thema wäre damit erledigt. Schließlich wollten wir uns auch nicht einmischen. Weit gefehlt! In eine Ecke getrieben stand die Maus mit erhoben Vorderpfoten, hektisch wedelnd, als wolle sie sagen: bitte nicht! Und Dauphine machte tatsächlich keinerlei Anstalten ihr etwas zu tun. Interessiert, ja beinahe rätselnd saß sie vor dem fremden Etwas. Wer bist du denn? Die Maus erkannte ihre Chance und verschwand wieder Richtung Kamin. Dauphine schaute uns nur fragend an. Nach einigem Hin und Her fing mein Mann schließlich die Maus und entließ das arme Ding in die Freiheit des Gartens. Nach diesem Vorfall sind wir uns sicher, dass unsere Katze beim Unterricht ihrer Mutter nur bis zum Fliegen fangen aufgepasst hat. Darin allerdings ist sie eine Meisterin!

Die Draußenkatze vom Nachbarhaus hingegen hat da eindeutig andere Ambitionen. Neulich erwischte ich sie mit den Überresten eines Kohlmeisenköpchens im Maul. Seitdem ist Schluß mit lustig. Alles schön und gut – Natur hin oder her – aber nicht in unserem Garten. Ich bilde mir ein, Dauphine sieht das ähnlich. Eines Tages standen sie sich gegenüber, Dauphine am Küchenfenster, die Andere schräg oben auf der Mauer. Noch ehe sich unsere Prinzessin eine Meinung zu ihrer Artgenossin bilden konnte, war die schon in Kampfhaltung und böse am Fauchen. Dauphine schaute mich an. Ihr distinguierter Blick verriet: Was macht das Fußvolk in meinem Garten? Ich wusste jetzt auf die Schnelle auch keine Antwort und sagte nur: Ich kümmere mich darum. Nahm daraufhin den Blumenbestäuber und verjagte den ungebetenen Gast.

Hin und wieder sehe ich sie noch, als wolle sie erkunden, was so geht. Und ob sich die Situation vielleicht geändert hätte. Doch sobald sie mich erblickt, flüchtet sie über die Mauer hinüber zum Friedhof. Wahrscheinlich denkt sie, es sei mein Revier und meine Vögel. Ganz unrecht hat sie schließlich nicht.

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