Im Bad ist das Licht am Schönsten. Selbst an diesem grau verhangenen Sonntagmorgen im Frühling erscheint es mir als lichter, heller Ort. Als wir vor etwas mehr als drei Jahren in diese Wohnung einzogen, war mir das noch gar nicht bewusst. Damals war noch Winter. Ich sah wohl, dass zum Ausblick von Küche und Bad ein kleiner gemeinschaftlicher Garten im Hinterhof gehörte, machte mir aber noch kein Bild davon, wie sich das triste, graue Fleckchen mit abgeblätterter Mauerwand für den Rest des Jahres in einen prachtvollen, üppig bewachsenen Lichthof verwandeln würde. Obwohl ich es da eigentlich schon hätte ahnen können. Das Badezimmer hatte ich zu diesem Zeitpunkt demnach auch nicht für mehr als das, wofür es gewöhnlich steht, auf dem Zettel. Nachdem ich zwei Jahre lang mit meinem Laptop vergeblich durch die restlichen Zimmer unseres Zuhause gewandert bin, um einen geeigneten Ort zu finden, wo ich mich gerne niederlassen würde, stand ich schlussendlich in unserem lichterfüllten Bad und dachte: nee, oder doch?! Vor einem Jahr hat mein Mann mir einen kleinen Klapptisch unterhalb der Fensterbank angebracht. Ein interessanter Ort für einen Schreibtisch, sagte der Monteur neulich, der unsere neuen Gardinen in den beiden vorderen Zimmern zum Kollwitzplatz hin anbrachte, damit wir im Hochparterre geschützter sind, und schaute dabei gleichzeitig ein wenig neidisch in das satte Grün unseres Gartens.

Ich liebe diesen Platz, dieses Fenster zu unserem geschenkten Paradies. Wenn ich nicht draußen auf der Bank unter dem Fliederbaum sitzen kann, weil es zu frisch ist, dann bin ich Bad, mit weit geöffnetem Fenster, sauge die taufrische Luft ein, lausche dem Rauschen der großen, erhabenen Bäume, die wie ein Wald auf dem angrenzenden Jüdischen Friedhof stehen, sehe, wie sich die hohen Baumkronen sanft im Wind wiegen und erfreue mich am aufgeregten Gezwitscher der Vögel ringsum. Wie gerne würde ich verstehen, worüber sie sich unterhalten. Dass die Waschmaschine in meinem Rücken läuft, stört mich nicht. Unsere Katze auf meinem Schoß scheinbar ebenso wenig. Wohlig schnurrend wärmt sie meinen Bauch. Selbst das Geplätscher in der Vogeltränke schräg gegenüber, die ich von hier aus gut sehen kann, scheint sie im Moment nicht zu interessieren. Es ist wieder Badespaß. Vor ein paar Tagen erst habe ich die große Blumenschale vom Boden weg etwas erhöht auf einen ausrangierten, gußeisernen Gartengrill gestellt. Das scheint meinen kleinen Zwitscherfreunden zu gefallen, dem nachts im Garten herumstreunenden Fuchs anscheinend weniger. Aber ich bin mir sicher, er wird einen anderen Ort finden, an dem er sich laben kann. Jeden Tag reinige ich die Schale mit einer Bürste und fülle frisches Wasser hinein. Der Andrang am vogelfreundlichen Planschbecken ist groß, da gibt es die Spatzen aus der Gegend, bei denen es sich so etwas immer schnell herumzusprechen scheint, dann sind da die süßen, kleinen Kohlmeisen, die aussehen, als würden sie im Jacket ins kühle Naß steigen, zierliche Grünfinken und neuerdings auch ein hübsches Eichelhäherpärchen mit ihren schillernden Blaugelben Schwanzfedern. Am lustigsten aber ist der Amselmann, für meine Begriffe der eigentliche Chef hier im Garten. Wenn eines der eleganten Ringeltaubenpaare, die sich vor zwei Jahren hoch oben im Baum gegenüber angesiedelt haben, Richtung Wasserschale unterwegs ist, bekommt der arme kleine Vogelmann Schnappatmung. Dann beobachte ich, wie er geflissentlich auf dem Rand herum hüpft, als wolle er ihnen zurufen: nein, nein, das geht nicht, diese Schale ist viel zu klein für euch!, um dann aber doch panisch die Flucht zu ergreifen, wenn Herr oder Frau Taube sich ihm gelassen gegenüber setzen, und anschließend behäbig ins Bad steigen. Dann ist er mit seinen Nerven völlig am Ende. Zeternd springt auf auf der Wiese hin und her und sitzt anschließend fassungslos auf dem Rand angesichts der nahezu leeren Wasserschale. Zu diesem Zeitpunkt sind die edlen Herrschaften bereits mit geräuschvollem Flügelschlag, ähnlich dem eines Bumerangs, wieder in den Blätterwald entschwunden.

Ich könnte diesem Treiben ewig zuschauen. An Tagen wie diesem, atme ich das regennasse, frühlingswarme Luftgemisch ein, dass mich an Hawaii erinnert, wo ich vor mehr als zehn Jahren längere Zeit verbracht habe. Einzig störend ist nun doch die Waschmaschine, die gerade begonnen hat zu piepen, ein eindringlicher, enervierender Ton, der mich zum Handeln zwingen möchte. Drei Mal, Pause und wieder drei Mal, nochmals Pause, dann wieder, das untrügliche Zeichen dafür, dass hier eine Aktion erforderlich ist, sei es die Wäsche auszuräumen oder den Trockner zu starten. Ich habe bereits versucht, dieses Signal auszuschalten, kein Ton, keine Aufforderung, ich möchte bitte selbst entscheiden, kann doch eigenständig schauen, ob die Maschine fertig ist, aber nein, keine Chance. Ich befürchte, dies ist eine der vielen Vorstufen der weiteren Technisierung, die uns einerseits den Alltag erleichtern sollen, aber eigentlich ein Zeichen dafür sind, uns, den Verbraucher, nicht für mündig zu halten. Ein sprechender Kühlschrank oder eine mit uns kommunizierende Lichtanlage wird wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich meinen Platz am Fenster und den Blick in den Garten so liebe. Es ist mein Kleinod und die Möglichkeit ohne besonderen Aufwand, hier inmitten der Großstadt Berlin mit der Natur verbunden zu bleiben.

Ich versuche aufzustehen. Unsere Katze weigert sich meinen Schoß zu verlassen. Ich kann sie nur zu gut verstehen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s